Deine Augen sahen mich

Andacht zum 28.6.2020 von Pastorin Anne Detjen

Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war. – Psalm 139, 16

Mein Opa ist gestorben, da war ich erst fünf Jahre alt. Aber irgendwie hat man ja trotzdem Erinnerungen an so frühe Zeiten und mein Opa, den habe ich immer als Marsmensch in Erinnerung. Lange Zeit war ich mir (ziemlich) sicher: mein Opa ist vom Mars! Natürlich war er nicht vom Mars, aber er war Imker und hat bei der Arbeit mit seinen Bienen immer einen Anzug getragen, der ihn aussehen ließ, als wäre er gerade eben vom Mars eingetroffen. Irgendwann habe ich dann auch verstanden, dass er diese Maske und den Anzug zum Schutz trug, um nicht gestochen zu werden.

Auch Chirurgen, Polizeitaucher, Astronauten oder Schweißer wissen, dass es sinnvoll ist, bei ihrer Tätigkeit eine Maske oder einen Schutzhelm zu tragen. Wenn ich neuerdings meine Maske aufsetze, um zur Arbeit oder zum Einkaufen zu gehen, merke ich, dass es auch ganz schön ist, wenn nicht immer alle sehen können, was meine Mimik sonst verrät. Und es stimmt doch: manches Mal setzen wir Masken auf, damit andere nicht genau sehen, wie es um uns steht. Der Psalmbeter spricht von Gott als einem, der hinter unsere Masken sieht. Und ganz ehrlich? Das gefällt uns nicht immer. Schließlich dienen die Masken ja dazu, dass wir eben nicht vollkommen gesehen werden. Dass wir vor der Welt verstecken können, was wir alles an Schuld mit uns herumtragen. Der Dichter Eugen Roth hat dazu ein Gedicht geschrieben:

„Ein Mensch, der recht sich überlegt, dass Gott ihm zuschaut unentwegt, fühlt mit der Zeit in Herz und Magen ein ausgesproch‘nes Unbehagen. Und bittet schließlich ihn voll Grauen, nur fünf Minuten wegzuschauen. Er wolle unbewacht allein inzwischen brav und artig sein. Doch Gott, davon nicht überzeugt, ihn weiter unbeirrt beäugt.“

Die Masken, die wir in diesen Tagen als Schutz vor dem Corona-Virus vor anderen aufsetzen, tragen wir zu unserem und vor allem zu ihrem Schutz. Wenn aber jemand hinter unsere „inneren“ Masken schaut? Ist es uns unangenehm, peinlich, weil unser positives, makelloses Bild einen Kratzer bekommt.

Gott, der hinter unsere Masken sieht, will uns aber nicht entlarven oder bloßstellen. Mit liebevollen, gnädigen Augen sieht er uns und ruft uns beim Namen. Deswegen können wir uns bei ihm zeigen, wie wir sind, denn er kennt uns, weiß von uns, und sorgt sich um uns. Und so sind diese Worte des 139. Psalms Zuspruch für uns heute, genauso wie für die Menschen damals. Gott nimmt uns an, schenkt uns Geborgenheit: bedingungslos. Und daraus erwächst für den Psalmbeter der Anspruch: Gott, bitte, nimm mich ernst. Zeig mir, wo ich auf falschen Wegen unterwegs bin. Leite mich, dass ich mein Leben in guter Weise lebe. Sieh hinter meine Masken, die ich immer wieder aufsetze. Ich wünsche uns, dass wir es dem Psalmbeter gleichtun und uns Gott so vertrauensvoll in die Hände geben.