Thema: Barmherzigkeit

Hund und Katze

Miezel, eine schlaue Katze,
Molly, ein begabter Hund,
Wohnhaft an demselben Platze,
Haßten sich aus Herzensgrund.

Schon der Ausdruck ihrer Mienen
Bei gesträubter Haarfrisur
Zeigt es deutlich: Zwischen ihnen
Ist von Liebe keine Spur.

Doch wenn Miezel in dem Baume,
Wo sie meistens hin entwich,
Friedlich dasitzt wie im Traume,
Dann ist Molly außer sich.

Beide lebten in der Scheune,
Die gefüllt mit frischem Heu.
Alle beide hatten Kleine,
Molly zwei und Miezel drei.

Einst zur Jagd ging Miezel wieder
Auf das Feld: Da geht es bumm.
Der Herr Förster schoß sie nieder.
Ihre Lebenszeit ist um.

Oh, wie jämmerlich miauen
Die drei Kinderchen daheim.
Molly eilt, sie zu beschauen,
Und ihr Herz geht aus dem Leim.

Und sie trägt sie kurz entschlossen
Zu der eignen Lagerstatt,
Wo sie nunmehr fünf Genossen
An der Brust zu Gaste hat.

Mensch, mit traurigem Gesichte,
Sprich nicht nur von Leid und Streit.
Selbst in Brehms Naturgeschichte
Findet sich Barmherzigkeit.

 

Wilhelm Busch
(1832 - 1908), deutscher Zeichner, Maler und Schriftsteller
Quelle: Busch, Bildergeschichten. Plisch und Plum, 188


Wo habe ich Barmherzigkeit erfahren?

Gott ist barmherzig: Jesus beschreibt Gott z. B. im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11–32) als großzügigen und jederzeit vergebungsbereiten Vater und zeigt so, was Barmherzigkeit bedeuten kann: Eine unverdiente, aber großzügige Zuwendung in bedingungsloser Liebe.

Gottes Wesen wird auch in dem Lied „die güldne Sonne“ von Paul Gerhard aus dem Jahr 1666 beschrieben. Dieses Lied ist mir seit der Kindheit vertraut und ich singe es immer noch gerne.
In Strophe 4 heißt es:

Abend und Morgen / sind seine Sorgen;
segnen und mehren, / Unglück verwehren
sind seine Werke und Taten allein.
Wenn wir uns legen, / so ist er zugegen;
wenn wir aufstehen, / so läßt er aufgehen
über uns seiner Barmherzigkeit Schein.

Das habe ich in meinem Leben erfahren, Gottes Barmherzigkeit und dass ich zu ihm „Vater“ sagen kann. Sonst wäre ich jetzt nicht hier. Im Kinderbibelkreis hat mir Tante Hilli den Weg zu Jesus gezeigt. Viele, viele Menschen waren mir Wegbegleiter für die Nachfolge. Unzählige Predigten und Konferenzen und Bibelkurse haben mich weiter ermutigt. Nicht alles im Leben lief glatt. Ich bin froh, dass ich zu Gott im Gebet sagen kann: „ Mein Leben bringe ich dir, die Geschichten der vergangenen Woche, die gelungenen und die verkorksten, die notwendigen und die überflüssigen. Meine Geschichte bringe ich dir, die Geschichte meines Lebens, die mich zu dem gemacht hat, der ich heute bin. Gott, ich bin da, sieh mich an; mein Leben will ich stellen ins Licht deiner Barmherzigkeit, und meine verletzliche Seele bescheinen lassen von deiner wunderbaren Güte. Geduld hast du mit mir, Gott, und das macht mich froh.“

Wer Gottes Barmherzigkeit erfahren hat, wird das weitergeben. Wie beim barmherzigen Samariter sind es ganz einfache, praktische Dinge, die wir tun können bzw. die andere für mich getan haben. Zwei Beispiele aus den 1990er Jahren: Da fallen mir gleich die wunderbar warmen Handschuhe ein, die mein Vater für mich aus dem Kofferraum holte, als ich ohne Handschuhe mit ihm spontan zu einer Schneewanderung aufbrach. - Ein anderes Mal war ich im Urlaub allein als Backpacker mit dem Zug in Schweden unterwegs. Als ich am späten Abend eine längere Wartezeit auf den Anschlusszug hatte und nicht auf dem Bahnhof bleiben wollte, habe ich mich zum schwedischen CVJM durchgefragt und wurde dort herzlich aufgenommen. Mir wurde versichert, dass ich als Christ überall auf der Welt beim CVJM willkommen sei. – Glücklicherweise habe ich in den restlichen 30 Jahren noch unzählige weitere Dinge erlebt, wo Menschen mit mir barmherzig umgegangen sind oder mir etwas Gutes getan haben.                                                                                                                                            

Henrike Denkmann


Barmherzigkeit erlebe ich immer wieder dort, wo ich mit meinen eigenen Plänen und Vorhaben scheitere und feststellen muss, dass „gut gemeint“ nicht zugleich auch „gut gemacht“ bedeutet. Wenn dann von Gott die Zusage kommt, dass er nicht zuerst das sieht, was falsch gelaufen ist, um mich für mein Versagen zu kritisieren, sondern dass er mein Herz anschaut und das, was ich eigentlich wollte, erfahre ich Barmherzigkeit. Auch nach dem Scheitern darf ich immer wieder neu anfangen und mit mir selbst barmherzig sein, statt mich zu verurteilen, weil ich etwas vielleicht zum x-ten Mal nicht geschafft habe.

Gottes Barmherzigkeit kommt mir auch dann nahe, wenn ich mir anmaße, besser zu wissen als er, was für mich oder für einen anderen Menschen in einer bestimmten Situation gut und richtig wäre und irgendwann feststellen muss, dass mir dafür einfach der Überblick fehlt.
Es sind also – zumindest in meinem Leben – weniger die ganz großen Baustellen, sondern viele kleine Begebenheiten, die mich die Barmherzigkeit des Vaters im Himmel erleben lassen. Das Bewusstsein, selbst an jedem Tag auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen zu sein, hat mir dazu geholfen, auch andere Menschen mit neuem Blick anzuschauen und ihnen barmherziger zu begegnen.                                                                                                                                              

Angela Tiesler


„Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“
Gespräche im Geschwisterkreis über die Eltern können sehr aufschlussreich sein. Erstaunlich, wie unterschiedlich Vater und Mutter von ihren Kindern wahrgenommen werden. Manches bricht erst nach dem Tod eines Elternteils auf. Da können Sätze fallen wie: „Redest du gerade von unserem Vater? Habe ich da was verpasst oder du was verdrängt?“ Oder: „Ich werde es nie vergessen, wie Vater mich in meiner schwierigen Phase nicht fallen ließ!“
Nicht weniger spannend können Gespräche darüber sein, welche Rolle Gott in unserem Leben spielt. Gerade in Krisenzeiten kommt an die Oberfläche, wer Gott für uns ist: Fühlt er mit oder lässt ihn menschliches Elend unberührt? Hat er das Sagen in unserer Welt oder überlässt er das ihren Mächtigen? Ist er gerecht oder ungerecht, allmächtig oder hilflos, herzlos oder barmherzig?
„Gott ist barmherzig“, behauptet Jesus ungeachtet aller Fragen und Vorstellungen seiner Zuhörerinnen und Zuhörer, wenn er sie auffordert: Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“
                                                                                                                                            

Hildegunde Günther-Wilm


Ich selber habe am eigenen Leib erfahren, wie Jesus barmherzig zu mir ist. Meine Schuld hat mich zu Boden gedrückt und mich halb erwürgt. Jesus hat mir mit seinem vergebenden Wort, seiner unendlichen Liebe zu mir wieder Selbstwertgefühl und neue Kraft gegeben. Eine kleine Begebenheit aus dem Buch „Licht und Kraft“ hat mir da geholfen aufzuzeigen, wie Barmherzigkeit aussehen kann. Ein Großvater ist verzweifelt. Er kommt einfach nicht mit seinem neuen Handy zurecht. Die Enkelin setzt sich neben ihn und zeigt dem Großvater Schritt für Schritt, wie man ins Internet kommt und alles suchen kann. Die Enkelin lacht mit dem Großvater danach über die angebliche Hilflosigkeit. Die gleiche Begebenheit hat sich genauso auch bei mir zugetragen.  In unserem gemeinsamen Leben, von Jung und Alt, geht es darum, einander das zu geben was jeder braucht. Das folgende alte Jungscharlied macht mir Gottes Barmherzigkeit deutlich: Vergiss nicht zu danken dem ewigen Herrn, er hat dir viel Gutes getan. Bedenke, in Jesus vergibt er dir gern. Du darfst ihm, so wie du bist, nah‘n. Barmherzig, geduldig und gnädig ist er, vielmehr, als ein Vater es kann. Er warf unsere Sünden ins äußerste Meer. Kommt, betet den Ewigen an.                                                                                                                   

Hans  Wilhelm Günther