Österlicher Friedensgruß

Eine Pandemie, die weltweit noch immer ihre Opfer fordert.

Und nun ein grausamer Krieg, ausgebrochen in Europa.

Menschen auf der Flucht, die ersten von ihnen, die in unserer Stadt ankamen, nur wenige hundert Meter von unserer Kirche entfernt.

Der Schrecken scheint kein Ende zu nehmen. Auch wenn wir uns noch so sehr bemühen, ihn in den Griff zu bekommen.

Es ist gut, gegen die Gefühle der Ohnmacht in uns anzugehen: mit konkreten Hilfsmaßnahmen, mit Kundgebungen, dass der grausame Überfall auf die Ukraine endlich sein Ende haben muss. Mit Gebeten um Frieden, in denen die große Vielfalt an Konfessionen und Religionen um Hilfe fleht.

Manchmal fühlen wir uns aber selbst in dieser großen Schar der Bittenden alleine. In diesem Gefühl sind wir gar nicht so weit weg von den Jüngern Jesu, als sein Abschied unmittelbar bevorstand.

Das, was Jesus seinen Jüngern da sagte, spricht er auch uns zu:

Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch;
nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.
“ (Joh 14,27)

„Wie soll denn Frieden werden, wenn Jesus uns verlässt?“ so werden manche der Jünger damals gedacht haben. „Was für ein Frieden ist das, den Jesus uns da zusagt? Was hilft uns dieser Frieden?“ so mögen wir heute denken.

Im Profan-Griechischen bedeutet dieses Wort vom „Frieden“ vor allem Gewaltverzicht. Erst in der Neuzeit wurde der Begriff des Friedens immer mehr reduziert auf die Abwesenheit von Krieg.

Wir haben die Worte Jesu ja leider nicht in seiner Originalsprache überliefert bekommen. Aber wir können davon ausgehen, dass immer dann, wenn unser Herr vom „Frieden“ gesprochen hat, viel mehr gemeint ist als das Schweigen von Waffen. Denn Friede im biblischen Sinn, schon von den ersten Schriften an, meint genauso Sicherheit, Gesundheit, Ruhe – ein Ganz-Sein. Dieser Friede ist die „Möglichkeit (unserer) Existenz“ im umfassenden Sinn.

„Friede sei mit euch!“ – dieser Gruß ist wie ein Erkennungszeichen des Auferstandenen in den Osterevangelien. Jahr für Jahr feiern wir Christen Ostern, hören die Zusage Jesu aufs Neue: „Friede sei mit euch!“ Was für ein aktueller, passender Gruß für unsere Zeit!

Aber Jahr für Jahr erleben Generationen von Christen auch, was die Jünger Jesu schon wenige Wochen nach Ostern erlebt haben: dass Jesus nicht mehr physisch greifbar hier ist. Jesus wusste, wie schwer das für seine Nachfolger sein würde. Darum rief er ihnen zu: „Erschreckt nicht!“, darum sagte er ihnen zu, dass der Heilige Geist ihr Tröster sein werde und darum hinterließ er ihnen seinen Frieden. Die Worte vom Frieden, die er da ausspricht, sind weit mehr als ein „frommer Wunsch“: Frieden ist das, was er uns hier lässt. Frieden schenkt er uns.

Im nächsten Satz kommt aber gleich ein „Beipackzettel“ dazu: „Nicht wie die Welt ihn gibt.“ Kein Friede, der unter Androhungen von Schreckensszenarien eingegangen wird. Der Friede, den Jesus meint, wird nicht durch ein Gleichgewicht des Schreckens gehalten.

Wir können darauf vertrauen, dass die Gewalt und der Tod nicht das letzte Wort haben werden, sondern dieser Frieden. Gleichzeitig ist diese Verheißung auch ein Auftrag an uns, für den Frieden zu wirken und zu beten und in aller Not immer wieder neu dieser Hoffnung und Perspektive Ausdruck zu verleihen.

 

Möge die österliche Zeit endlich eine friedvolle sein!

Eure / Ihre Anja Müller, Pastorin