
Dem Dämon keinen Platz lassen
Predigtimpulse zu Matthäus 15, 21-28 zum 17. Sonntag nach Trinitatis / 27. September 2026[1]
Der Text: Matthäus 15, 21-28 – Jesus und die Syrophönizierin
21Jesus verließ Genezareth und zog sich in das Gebiet von Tyros und Sidon zurück. 22Da kam eine kanaanäische Frau aus dieser Gegend zu ihm. Sie schrie: »Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem bösen Dämon beherrscht!«
23Aber Jesus gab ihr keine Antwort. Da kamen seine Jünger zu ihm und baten: »Schick sie weg! Denn sie schreit hinter uns her.« 24Aber Jesus antwortete: »Ich bin nur zu Israel gesandt, dieser Herde von verlorenen Schafen.«
25Aber die Frau fiel vor ihm auf die Knie und sagte: »Herr, hilf mir doch!« 26Aber Jesus antwortete: »Es ist nicht richtig, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen.« 27Die Frau entgegnete: »Ja, Herr! Aber die Hunde fressen doch die Krümel, die vom Tisch ihrer Herren herunterfallen.«
28Darauf antwortete Jesus: »Frau, dein Glaube ist groß! Was du willst, soll dir geschehen!« In demselben Augenblick wurde ihre Tochter gesund.
(Text nach der Übersetzung der Basisbibel 2021)
Liebe Gemeinde,
Was passierte damals in der Begegnung Jesu mit der Frau in der Hafenstadt Tyros?
In den Berichten, die wir davon in der Bibel im Markusevangelium (Kapitel 7) oder bei Matthäus (Kapitel 15) lesen, lässt sich Jesu von einer fremden Frau umstimmen und verändert seine Meinung.
Wir kennen keine andere Geschichte, die von einem solchen Meinungswandel bei Jesus erzählt.
Erinnern Sie sich an andere Gespräche, die Menschen mit Jesus geführt haben. Als er auf die Steuern für den Kaiser angesprochen wird, lässt er sich von den Fragenden nicht in eine Falle locken und wirbt nicht für den Steuerboykott. Er spricht davon, dass die Obrigkeit in allen Kulturen von ihren Untertanen Respekt und Unterstützung erwarten darf. Darum soll man dem Kaiser geben, was ihm zusteht.
In anderen Dialogen geht es um seine besondere Beziehung zu Gott. Er verbietet seinen Freunden, die mit ihm unterwegs sind, anderen zu erzählen, dass sie in ihm dem von Gott gesandten Menschensohn begegnet sind.
Doch wie Jesus mit der Frau in Tyros redet, gehört nicht in die Liste der Gespräche Jesu, die man sonst von ihm kennt. Die Frau löst bei Jesus Widerstand aus, er weigert sich, ihre Not anzuerkennen, und er wehrt sich gegen ihre Bitte.
Wir sind mit einem anderen Jesusbild unterwegs.
Jesus hört auch dann zu, wenn alle anderen Ohren in unserer Welt verstopft oder schwerhörig sind. Jesus hat die Armen fest im Blick und ihn rührt es in tiefer Seele an, wenn man vor ihm die eigene Verzweiflung ausbreitet und um Hilfe bittet. Jesus ist der gute Hirte, um es mit einem alten Bild zu sagen, aber nicht der kühle Patriot, der zuerst nach Herkunft und Staatszugehörigkeit fragt.
Weil hier in dieser Episode die bekannten Jesusbilder an ihre Grenze kommen, lohnt es sich ein zweites Mal diese Geschichte anzuschauen.
Tyros war keine jüdische Stadt
Man überliest es heute, weil die Geographie Israels sich seit jesuanischer Zeit und der Entstehung der Evangelien verändert hat, das Tyros keine jüdische Stadt war. Tyros liegt auf einer Halbinsel am Mittelmeer, etwa 80 Kilometer südlich vom heutigen Beirut. Sie war in antiker Zeit eine zentrale Hafenstadt für den Handel zwischen den Ländern entlang des Mittelmeeres. Die Stadt ist von phönizischen Einwohnern 3000 Jahre vor unserer Zeitrechnung gegründet worden. Tyros war keine jüdische Stadt, aber in ihr wohnten und arbeiteten viele Juden.
Die geographische Lage von Tyros hilft uns eine Bemerkung im Gespräch Jesu mit der Frau bewusster zu hören. Es gab auf der tyrischen Halbinsel keine Landwirtschaft. Weizen und andere Lebensmittel mussten immer vom Hinterland an die Küste gebracht werden. In Krisenzeiten wurde dies zum Problem und es wurde sicher diskutiert, wer zuerst einen Zugriff auf die knappen Lebensmittel in der Stadt hat und welche Bevölkerungsgruppe schauen musste, was die anderen übriglassen. Jesus betont, dass Nahrung zuerst an die angestammten jüdischen Bürger zu gehen hat und dann an die, die viel später erst in der Stadt ein Zuhause gefunden haben. Zuerst sollen die satt werden, die an den Tischen der Stadt ein älteres Wohnrecht haben.
Die Frau gehörte zu den Gruppen, die nicht schon immer in der Stadt wohnten. Doch sie entlarvt die Unmenschlichkeit in der Argumentation Jesu mit dem Hinweis auf die Armen. Egal in welcher Volksgruppe man groß wird: wenn die Not in der Familie regiert, dann kann man nur hoffen, dass vom Wohlstand der Anderen etwas für das eigene Überleben übrigbleibt.
Die Frau, die vermutlich wenig von den Predigten Jesu gehört hatte, erinnert mit ihrem Argument daran, dass dort, wo Gottes neuer Himmel und Gottes neue Welt sichtbar werden, auch die Armen genug zum Leben haben werden.
Keine einfache Zeit damals für ein tolerantes und nachbarschaftliches Zusammenleben
Eine andere Bemerkung Jesu lässt uns heute in dieser Geschichte ratlos zurück.
Warum betont Jesus so deutlich seinen Auftrag, nur zu den Menschen in Israel, denen, die traditionell zum Volk Gottes gehören, gesandt zu sein?
In der Zeit als zuerst Markus und später Matthäus in ihren Evangelien diese Episode aus Tyros aufschrieben, war es zu schlimmen Pogromen an jüdischen Menschen in den Küstenstädten gekommen. Kaiser Nero hatte in diesen Jahren der jüdischen Bevölkerung in der Hafenstadt Cäsarea und anderen Städten das Bürgerrecht abgesprochen, um den jüdischen Widerstand gegen sein römisches Regime zu brechen. Dieses Gesetz löste Aufstände unter der jüdischen Bevölkerung aus. Das wiederum provozierte Übergriffe anderer Volksgruppen auf Juden und allein in Cäsarea wurden etwa 20000 jüdische Menschen in diesen Kämpfen getötet.
Die Konflikte sprangen auf anderen Städte über und auch in Tyros standen sich nun Juden und andere Volksgruppen feindlich gegenüber. Die Geschichtsbücher berichten, dass in der Stadt viele Juden starben, aber vor allem jüdische Familien gefangen gesetzt wurden und Misshandlungen zu erleiden hatten.
Mit dem Wissen um diese schlimmen Geschehnisse erzählen die Evangelisten die Geschichte und es verwundert nicht, dass die Distanz zwischen Jesus und der fremden Frau, aber auch der Sendungsauftrag Jesu an sein eigenes Volk hier so deutlich zur Sprache kommt.
Niemand kann einfach vergessen, was die eigene Familie erlebt hat und welche Trauer um verlorene Freiheit die Seele einschnürt, wenn in den Alltagsbegegnungen plötzlich die großen Themen der Welt sichtbar werden, denen man hilflos ausgeliefert ist.
Die Frau sprengt mit ihrem Glauben die Grenzen
Es ist die Frau in unserer Geschichte, die den Blick auf Gottes Güte und Barmherzigkeit öffnet.
Dazu müssen wir auf etwas achten, was zentral zu dieser Geschichte gehört, aber doch in unserer Wahrnehmung untergeht. Die Frau kämpft im Gespräch mit Jesus für ihre Tochter.
Die Bibel nennt als Grund für die Not von Mutter und Tochter einen Dämon, der das Kind gefangen hält. Dämonen stehen in der biblischen Überlieferung für Kräfte, die dort ihren Platz haben, wo Leben eingesperrt ist, wo Leid nicht überwunden werden kann und eine Seele gefangen hält oder wo zu Gottes heilende Kraft noch kein Zugang geöffnet werden konnte.
Die Gewalt, der Hass und die Feindseligkeiten in der damaligen Stadt haben genug Potential, um Kinder zu traumatisieren und ihnen die Kraft zum Leben zu nehmen. Die Bibel redet hier nur vom Dämon, der die Familie im Griff hält, und spart sich jedes Wort, diese Situation weiter zu erklären oder zu deuten.
Als Jesu erkennt, wie tief die Frau ihm und seiner Macht vertraut, ist die Feindschaft zwischen den Volksgruppen nicht mehr wichtig. Sie gehört nun mit zu denen, die von Gott das neue Leben und die heilsame Zukunft erwarten. Da hat der Dämon keinen Platz mehr in der Familie, da kommt ein neuer Geist in diese Familie hinein.
Die Frau überrascht uns auch heute noch mit ihrer inneren Freiheit, in der sie Jesus begegnet.
Sie ist frei genug, über Jesu schroffe Reaktion nicht beleidigt zu sein. Sie hat die Freiheit, auch wenn sie auf verlorenem Posten gegenüber Jesu zu stehen scheint, die Situation in eine gute Richtung zu bewegen. Sie ist mutig und sieht, dass da hinter dem „Nein“ von Jesus sich noch ein „Ja“ versteckt. Sie ist klug und schafft den Raum, dass der andere sein „Ja“ aussprechen kann, freiwillig und ohne erpresserischen Druck.
Diese Begegnung zwischen Jesus und der Frau lässt einen bis heute hoffen.
In der Welt Gottes werden Menschen immer wieder berührt und angesprochen, gegenüber den Dämonen unserer Zeit nicht klein beizugeben.
Jesus bleibt auch da Heiland und Christus, wo die Grenzen und die Zuständigkeiten kirchlicher Arbeit längst erreicht zu sein scheinen. Der erlösende Glaube wirkt noch heute als eine verändernde und erneuernde Kraft.
Amen.
Haben Sie Rückfragen oder möchten Sie einen Gedanken der Predigt noch weiter im Gespräch vertiefen? Wenden Sie sich an mich über eine der unten genannten Kontaktmöglichkeiten,
Ihr Günter Loos!
Pastor Günter Loos
Büro Detmold: Mühlenstraße 16 ° 32756 Detmold ° Tel.: 05231.23297
Büro Lage: Im Gerstkamp 2 ° 32791 Lage ° Tel.: 05232.3696
od.: 0176 – 239 236 20 ° e-mail: guenter.loos(at)emk.de ° home-office: 05232.9805270
[1] Bild:Emporenbild aus St. Bartholomäus in Mistelgau / 2026 in: Wikipedia