Monatsspruch Juni

2. Mose 14,13

Mose sagte: Fürchtet euch nicht!

Bleibt stehen und schaut zu, wie der HERR euch heute rettet!


Rundbrief Juni 2024

Der Monatsspruch für Juni ist für sich genommen ein ermutigender und gleichzeitig herausfordernder Vers. Denn einerseits geht es mal wieder darum, dass sich Gläubige nicht fürchten sollen, eigentlich vor gar nichts. Aber hier wird diese Furchtlosigkeit noch mit dem Hinweis verbunden, dass eine Gruppe von Leuten stehen bleiben und zuschauen soll, wie Gott die Rettung, wohl aus einer Notlage, selbst bewerkstelligen wird. Nun ja, das hat schon eher was mit Glauben zu tun, wem das gelingt. Stehenbleiben und zuschauen. Gerade stehenbleiben ist ja heute etwas ganz Unpopuläres. Es muss ja immer weiter, weiter, weiter gehen; Stillstand ist der Tod und den letzten beißen die Hunde oder so ähnlich. Also, bloß nicht stehenbleiben und vor allem nicht zuschauen, wie andere etwas machen, na ja, außer im Straßenbau vielleicht, aber sicher nicht in unserem Umfeld. Wir sind zwar keine Schwaben, aber fleißig allemal. Es wird einem schließlich nichts geschenkt, und wer rastet, der rostet. Ohne Arbeit und Leistung ist auch alles irgendwie nichts.

Und da finde ich doch viele Parallelen zwischen dem Monatsspruch und heute, wenn ich mir den Kontext des Verses ansehe. Denn natürlich geht es um den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, aus der Unterdrückung und Sklaverei heraus in die Wüste. Hinter ihnen das ägyptische Militär, ein geknechtetes und unfreies Leben; vor ihnen das Schilfmeer (vermutlich das Rote Meer), eine ungewisse Zukunft und große Zweifel. Da dringt das panische Geschrei der ausgezogenen Sklavengruppe an Moses' Ohren und lässt ihn sagen:

„Habt keine Angst! Bleibt standhaft und ihr werdet sehen, wie der HERR euch heute retten wird. Ihr werdet diese Ägypter hier nie wieder zu Gesicht bekommen! Der HERR wird für euch kämpfen, wartet nur in Ruhe ab.“ (NGU)

Solche Schilfmeer-Momente gibt es vielleicht auch in deinem Leben. Du stehst mit dem Rücken zur Wand. Zurück geht nicht mehr, denn so wie es war, soll, ja kann es nicht mehr bleiben. Aber vor dir liegt eine ungewisse Wegstrecke. In der Not ist anscheinend kein Ausweg vorhanden. Du kommst ans Ende deines Lateins, deiner Kraft, deiner Möglichkeiten. Was nun? Es geht weder vor noch zurück. Und da bekommst du gesagt, in all deinem Jammer und Selbstmitleid und echter Panik und Verzweiflung, dass du still sein sollst. Standhaft sein sollst. Einfach wagen, stehen zu bleiben. Mal nichts zu tun. Nichts zu entscheiden und nichts durchzudrücken, nichts müssen, sollen und ja, auch nichts können. Denn ein anderer übernimmt jetzt mal für dich. Ein anderer übernimmt jetzt das Steuer deines Lebenswagens und manövriert dich sicher um alle Hindernisse herum und durchbricht sogar Mauern, wenn es sein muss. Einer, der für dich kämpft, sich für dich einsetzt, mit dir zusammen den Weg geht, aber hier voraus, denn du selbst weißt ja gar nicht, wo es langgeht.

Im Vertrauen auf diese Zusage können wir auch heute noch in ausweglosen, verzweifelten und ohnmächtigen Lagen einen kühlen Kopf bewahren und still sein, standhaft bleiben, abwarten, denn das Signal zum Weitergehen werden wir schon erkennen. So wie die Israeliten, als sich das Meer vor ihnen teilte. Großes können wir von Gott erwarten, wenn er die Führung übernimmt. So kommen wir trockenen Fußes zur anderen Seite und von dort aus liegen neue Wege vor uns. Fürchte dich nicht! Alles, was du dir wünschst, liegt auf der anderen Seite der Angst.

Herzlich grüßt eure Pastorin Raphaela


Ein Wort von Bischof Harald Rückert zur aktuellen Situation

Es ist gut, ...
... dass in den letzten Wochen eine neue Leidenschaft für die freiheitlich-demokratische Grundordnung unseres Landes erwacht ist. Freiheit und Demokratie sind kostbare Güter!

... dass viele Menschen öffentlich bekunden, dass Antisemitismus, völkischer Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Gewalt in keiner Weise hingenommen werden können. Die Würde von Menschen ist unantastbar!

... dass Menschen in unseren Gemeinden ein sehr klares Urteil haben und sich positionieren. Sie wissen sich dem Evangelium verpflichtet und füllen die daraus abgeleiteten »Sozialen Grundsätze« unserer Kirche mit Leben.

... dass Menschen in der Nachfolge Jesu sich aktiv einsetzen für Menschenwürde und Menschenrechte. Das entspricht dem, wie die Bibel Gott bezeugt und wie sie den Menschen als Gottes Ebenbild beschreibt.

... dass sich die christlichen Kirchen in unserem Land in diesen Grundfragen einig sind und Stellung beziehen gegenüber Antisemitismus und Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt. Hier gibt es keine Kompromisse. Der gesellschaftliche Fokus ist derzeit aus erkennbaren Gründen auf den Rechtsextremismus ausgerichtet. Gleichzeitig gilt es, auch wachsam zu sein gegenüber anderen Entwicklungen, die ebenfalls dem Evangelium widersprechen. Das Nein der biblischen Botschaft zu menschenverachtendem Reden und Handeln gilt jeder Ausprägung inakzeptablen Verhaltens –von »rechts«, von »links«, aus religiösen Motiven oder woher es sonst gespeist sein mag.

 

Leider ...

... können viele Menschen etliche aktuelle politische Entscheidungen nicht mehr verstehen. Verunsicherung und die Sorge vor wirtschaftlichem und sozialem Abstieg nehmen zu.

... verstärkt sich eine Entwicklung in unserer Gesellschaft, bei der demokratische Prozesse und Institutionen im Allgemeinen angezweifelt und verächtlich gemacht werden.

... agieren die etablierten demokratischen Parteien mitunter ungeschickt. Menschen fühlen sich nicht wahrgenommen und abgehängt.

... verstärken sich Tendenzen, dass nicht mehr miteinander geredet wird. Persönliche Interessen oder Gruppenüberzeugungen werden so stark in den Mittelpunkt gestellt und verteidigt, dass ein Miteinander und die Bereitschaft zum Kompromiss auch über unterschiedliche Sichtweisen und Bedürfnisse hinweg auf der Strecke bleiben.

... werden Menschen mit einer anderen Meinung zu einem der vielen sehr komplexen Themen, die derzeit Politik und Gesellschaft herausfordern, ganz schnell »abgestempelt« und in Schubladen geschoben. Das konstruktive Zuhören und Aufeinander-Eingehen in Zuspruch und Widerspruch findet kaum mehr statt. Das notwendige gemeinsame Ringen unterbleibt. Wer anders ist als man selbst, wird abgeschrieben und kann schnell zur Zielscheibe von bösen Attacken, von Hass und Verleumdung werden.

... verstärken sich radikalisiertes Denken und Reden in unserer Gesellschaft. Extreme Haltungen sind »sagbar« geworden und gewinnen an Einfluss, auch weil die sozialen Medien diese in Windeseile verbreiten und verstärken.

... ist mit vielen dieser Entwicklungen der Boden bereitet für verführerischen Populismus, scheinbar einfache Lösungsangebote, Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und die Pflege von Feindbildern. Nicht zuletzt führt das zu einem in Deutschland nicht mehr für möglich gehaltenen Aufblühen des Antisemitismus. Längst bewältigt geglaubtes, extremes nationalistisches Gedankengut breitet sich aus und nistet sich in den Köpfen der Menschen ein. Misstrauen und Hetze drohen unsere Gesellschaft auseinanderzutreiben.

 

Liebe Schwestern und Brüder in der Evangelisch-methodistischen Kirche,

mit diesen Zeilen wende ich mich an euch. Statt einer öffentlichen Erklärung, was »die Haltung der Evangelisch-methodistischen Kirche und der Menschen dieser Kirche ist«, liegt mir am Herzen, euch direkt anzusprechen. Das Zeugnis der Bibel und die daraus abgeleiteten »Sozialen Grundsätze« unserer Kirche sind unmissverständlich. Der Schrecken der beiden Weltkriege und die Gräueltaten des NS-Regimes führten dazu, dass im Nachkriegs-Deutschland und im inzwischen wiedervereinigten Deutschland der Schutz der unantastbaren Würde des Menschen bewusst im Grundgesetz verankert ist und als Richtschnur staatlichen Handelns dient. Extreme politische Gruppierungen und Parteien – egal welcher Couleur –, die diesen Grundsatz aufgeben oder untergraben, stellen sich außerhalb unserer gesellschaftlichen Ordnung und sind nicht zu akzeptieren.

Einige von euch beteiligen sich an den vielerorts stattfindenden Demonstrationen gegen menschenverachtenden Rechtsextremismus. Tut dies weiterhin mit Überzeugung und Klarheit. Doch tut dies mit menschenfreundlicher Gesinnung und einem klaren Blick, der auch inakzeptables Reden und Tun aus anderen Richtungen wahrnimmt und brandmarkt. Es ist beispielsweise auch nicht hinzunehmen, wenn bei pro-palästinensischen Demonstrationen der Terror der Hamas verharmlost, das Existenzrecht Israels bestritten und die Auslöschung des Staates Israel propagiert werden.

Es ist gut, auf den Marktplätzen mit vielen anderen zusammen gegen extremistisches Reden, Denken und Handeln einzutreten. Ungleich schwerer ist es, gerade in den Einzelbegegnungen des Alltags mutig und klar zu sein. Doch genau das ist nötig, um die in der großen Menge demonstrierte Einheit und Botschaft im Alltag zu leben.

Einige von euch meinen, dass eure Anliegen bei der AfD besser aufgehoben seien als bei den etablierten Parteien. Eure Beweggründe dafür mögen unterschiedlich sein. Ich vermute, dass die wenigsten von euch – wenn überhaupt – das in der AfD beförderte völkisch-nationale Gedankengut oder Antisemitismus oder Fremdenfeindlichkeit für richtig und gut befinden. Bitte haltet euch offen für das Gespräch darüber und stellt euch kritischen Fragen. Zugleich erinnere ich euch daran: Seit ihrer Gründung ist es dieser Partei zunehmend schwergefallen, sich von rechtsextremem Gedankengut deutlich, klar und dauerhaft abzugrenzen. Inzwischen wurden Teile der Partei und einzelne Personen in herausgehobener, einflussreicher Stellung vom Verfassungsschutz als eindeutig rechtsextrem eingestuft. Darum bedenkt ernstlich, was ihr bei einer möglichen Stimmabgabe für diese Partei tatsächlich unterstützt.

 

Liebe Schwestern und Brüder, lasst uns ...
... versuchen, in unseren Gemeinden, am Arbeitsplatz und in der Nachbarschaft das Gespräch über die derzeitigen großen Herausforderungen zu wagen. Ich weiß, dass dies unglaublich schwierig ist. Manchmal herrscht der Eindruck vor, als könnte das überhaupt nicht gelingen, da die Wahrnehmungen und Überzeugungen derer, die miteinander kommunizieren sollten, komplett unterschiedlich sind. Dennoch! Das ernste, aufrichtige und klare Gespräch ist die einzige Alternative.

... einander als Menschen achten. Es ist leicht, übereinander zu sprechen. Dabei geschieht es schnell, einander nur noch als Gegner zu sehen. Das kann sogar dazu führen, im Gegenüber nicht mehr einen Menschen aus Fleisch und Blut zu sehen, nicht mehr einen Menschen mit Gefühlen und Bedürfnissen, nicht mehr einen Menschen als Ebenbild Gottes.

... versuchen, auf der Grundlage der klaren Ablehnung von völkischem Nationalismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt einander zuzuhören und aufeinander einzugehen.

... versuchen, ungeachtet unterschiedlicher politischer Überzeugungen, gemeinsam für Menschenwürde, Freiheit und Demokratie einzutreten.

... aufrichtig und mutig unsere biblische Überzeugung leben, dass Gott in seinem Sohn Jesus Christus zur Welt gekommen ist und unter uns »das Wort von der Versöhnung« aufgerichtet hat. Als mit Gott versöhnte Menschen, werden wir zu Botschafterinnen und Botschaftern der Versöhnung (2. Korintherbrief 5,18-20). So sind wir beauftragt, zu versöhnen und nicht zu spalten, zu heilen und nicht zu zerstören, zu verbinden und nicht zu trennen. Dazu schenke uns Gott die nötige Kraft, den nötigen Mut und die nötige Weisheit.


Mit herzlichen Segensgrüßen,
Bischof Harald Rückert

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