Bibellesen mit Gewinn - Kontext zu Einheit 15
Kontext, Kontext, Kontext – Lukas 12,13–21
Kontext 1 – Sozialgeschichtliche Hintergründe zum Text
Auch in Jesu Zeit war Armut und Reichtum ein Thema, das die Gesellschaft gespalten hat. Es gab die Reichen, meist aus den Reihen der römischen Besatzer und deren Hofstaat, die hohen Militärfunktionäre, Politikerfamilien und natürlich die Juden, die mit den Römern zusammenarbeiteten, sowie alteingesessene Großgrundbesitzer, die viele Sklaven hatten.
Der überwiegende Teil der Bevölkerung war immer noch im Agrarsektor und im Fischfang tätig. Hier wurde tagtäglich ums Überleben gekämpft, denn die Steuerabgaben waren sehr hoch. Viele Familien mussten ein oder mehrere Kinder in die Sklaverei verkaufen oder sich selbst als Pächter durchschlagen.
Die soziale Ungerechtigkeit schrie zum Himmel. Und sogar im Tempel musste jede Jüdin und jeder Jude noch Tempelsteuer bezahlen, Schlachtopfer bringen und die teilweise weite Reise nach Jerusalem finanzieren. Es gab auch viel Kriminalität: Not macht Menschen zu Dieben, Räubern und Mördern. Hunger treibt Menschen zu Verzweiflungstaten.
Besonders schlimm war es für Familien, wenn der Vater oder das männliche Familienoberhaupt fehlte, verstarb oder krank wurde. Ein Feld zu bewirtschaften war damals keine Frauenarbeit. Dennoch galt es einem gottesfürchtigen Juden als wichtig, das zu befolgen, was Gott in der Tora geboten hatte: Ernteerträge nicht gänzlich einzufahren, sondern die Nachlese für die Armen und Fremden übrig zu lassen (vgl. 3. Mose 19,9–10).
Ein besonders eindrückliches Beispiel dieser Praxis findet sich im Buch Rut (besonders Kapitel 2). Doch wer selbst nicht genug für sich und seine Familie hatte, ließ vielleicht auch nichts für noch ärmere Menschen übrig. Ist die allgemeine Stimmung in einer Gesellschaft derart korrumpiert, dann ist sich jeder selbst der Nächste.
All die guten Gebote Gottes, um ein sozial gerechtes Miteinander zu etablieren, wurden unter der fremden Herrschaft, der Härte des Regierungssystems, den ausbeuterischen Strukturen und der menschlichen Verachtung zum idealen Nährboden für noch mehr Unrecht. Das führte häufig zu Revolten, die von den Römern brutal niedergeschlagen wurden.
Jesus ist sich dessen bewusst und fordert gerade deshalb zum Verzicht auf: Lass dich nicht von den dich umgebenden Strukturen und Botschaften beirren, sondern bleib Gott treu und halte dich an das, was er dir an Weisungen gibt. Das ist dann wirklich ein reiches Leben – ein Leben, reich an aufrichtiger Anteilnahme, fürsorglichem Miteinander und fröhlichem Geberherz. Und das trotz der korrumpierten Umstände! Daran erkennen die Menschen, dass anders ist, wer Jesus nachfolgt.
Kontext 2 – Auslegungsangebot
Kapitel 12 im Lukas-Evangelium ist so etwas wie eine Zwischenzäsur. In der Mitte des Evangeliums geht es um die Mitte der Lehre Jesu. Und was finden wir dort? Anweisungen zur richtigen Prioritätensetzung.
Jesus setzt sich hier mit verschiedenen menschlichen, psychischen und seelischen Zuständen auseinander, die verhindern, dass die Menschen ihm nachfolgen und seine Lehre praktisch im Alltag anwenden. Er spricht über Unaufrichtigkeit, Furcht, Habgier, Sorgen, Integrität, Standhaftigkeit bei Gegenwind und die Pflicht, Schulden zurückzuzahlen.
Inmitten dieser mit Gleichnissen und Beispielen angereicherten Lehren befindet sich unser Abschnitt. Hier geht es um das Thema Habgier.
Jesus erzählt das Gleichnis vom reichen Bauern. Besonders auffällig ist: Der Bauer spricht und fragt sich dauernd selbst. Er zieht niemanden zu Rate, bespricht die Sache nicht mit anderen unparteiischen Zeitgenossen und befragt offensichtlich nicht einmal seine Familie. Allein er selbst entscheidet – wie töricht! Er hätte sich zumindest mit jemandem beraten sollen, was zu tun ist.
Immerhin hätten dann auch andere Ideen eine Chance gehabt, was mit der reichen Ernte alles hätte getan werden können. Arme Menschen gab es auch in der Antike genug. Etwas von seinem Reichtum abzugeben an andere, die weniger haben, kam ihm nicht in den Sinn. Denn Habgier gaukelt vor, man habe selbst nicht genug, oder jeder solle eben für sich selbst sorgen – dann sei ja für alle gesorgt (vgl. Jakobus 4,13–5,6).
In den Versen 1–12 hatte Jesus darüber gesprochen, dass Gott fürsorglich ist, die Haare auf den Köpfen seiner Menschen zählt und sie mit allem versorgt, was sie brauchen. Für arme Leute ist das eine echte Herausforderung. Es ist etwas völlig anderes, jeden Tag gerade so über die Runden zu kommen, als den Bau einer größeren Scheune für noch mehr Reichtum zu erwägen.
Was Jesus damit sagen will, ist nicht, dass sich die Armen auf Kosten der Reichen durchfüttern lassen sollen, sondern dass Arme wie Reiche darauf vertrauen können, dass Gott für alle sorgt. Und genau so würde Gott für alle sorgen: Diejenigen, die mehr haben, als sie brauchen, geben denen, die weniger haben. Eine solche Gesellschaft wäre in Balance – ein ausgeglichenes Verhältnis, in dem alle satt werden.
Dass der reiche Bauer nur an sich selbst dachte und nicht daran, dass sein Leben morgen zu Ende sein könnte, zeugt auch von Stolz. Als könne der Mensch sein Leben verlängern, wenn er Reichtum anhäuft. Nein – Jesus fordert mit diesem Gleichnis auf, zu überlegen: Wo habe ich mehr, als ich brauche, und kann es an andere abgeben?
Das hat auch etwas damit zu tun, sich zu fragen, wie viel man wirklich zum guten Leben braucht und wo ein bisschen Einschränkung gar nicht weh tut. Das ist Reichtum in Gottes Reich – ein Reichtum, bei dem es nicht nur um mich selbst und meine Nächsten geht, sondern darum, nach Gottes Weisungen zu leben.
Dass auch in unserer heutigen Gesellschaft häufig noch pauschalisierende „Schmarotzer“-Erzählungen über die am Rand stehenden Menschen kursieren, die angeblich dazu berechtigen, den eigenen Reichtum festzuhalten, ist genau die Denkweise, in die Jesus hier hineinsprechen könnte.
Wenn ich Gott vertraue und glaube, dass er gerecht verteilt, brauche ich keine Sorge zu haben, selbst zu kurz zu kommen. Ich kann großzügig mit dem umgehen, was Gott mir schenkt – denn segnen will er immer. Und auf ganz vielfältige Art und Weise.
Was die ersten Verse betrifft, in denen es ums Erben geht, so zeigt Jesus hier klar Kante: Er ist nicht dafür zuständig, in Fragen des Reichtums, des Erbes und der Verteilung Entscheidungen zu treffen. Aber er erzählt ein Gleichnis in der Hoffnung, dass dieser Mann sich ehrlich selbst reflektiert und gemeinsam mit seinem Bruder einen gütlichen Weg findet.
Auch beim Thema Erben sollen sich Jesu Zuhörer nicht von Habgier leiten lassen, sondern sich mit dem zufriedengeben, was ihnen rechtmäßig zusteht (vgl. zum Thema Erben ohne männliche Nachkommen: 4. Mose 27; 36).
Kontext 3 – Verweise auf andere Texte in der Bibel (zur weiteren Vertiefung)
Dieser Abschnitt bei Lukas hat keine Parallele in den anderen Evangelien. Er gehört zum sogenannten lukanischen Sondergut.
Allerdings sagt Jesus an vielen Stellen sehr viel über den Umgang mit Reichtum und Armut und darüber, worin diejenigen, die zu Gott gehören, den Unterschied machen sollten. Eine wirklich lesenswerte Auseinandersetzung mit dem Thema „arm und reich“ findet sich auch häufig bei den Propheten, die von Berufs wegen stets die soziale Ungerechtigkeit anprangern und sie als Versagen in der Einhaltung der göttlichen Weisungen verstehen.
Lies dazu doch einmal: Amos 6 und Jesaja 58.
Welche tieferen oder weiterführenden Bedeutungen kannst du in diesen Texten erkennen?
Und wo siehst du Ähnlichkeiten zu Jesu Verkündigung?
Fragen zum Weiterdenken
Gibt es in deinem Umfeld Menschen, die du unterstützen könntest – nicht nur finanziell, sondern vielleicht auch mit deiner Zeit oder Hilfe im Alltag?
John Wesley hat einmal gesagt: „Erwirb, so viel du kannst, spare, so viel du kannst, und gib, so viel du kannst.“
Was findest du daran gut?
Was findest du daran nicht so gut?
Komm doch darüber mit anderen ins Gespräch.
Hier als Anregung dazu eine „Wort zum Tag“-Folge aus der ERF Audiothek:
https://www.erf.de/hoeren-sehen/erf-plus/audiothek/wort-zum-tag/geben-als-antwort/73-5194
"Jesus und du..." zum Ausdrucken
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